Guten Tag miteinander. Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu unserer Dorfführung hier in Blatten. Schön, dass Sie den Weg in unser kleines, inzwischen wieder ziemlich berühmtes Dorf gefunden haben.

Wir stehen hier an einem besonderen Ort. Bis im Mai 2025 stand hier die alte Kirche von Blatten. Damals wurde das Dorf von einem gewaltigen Bergsturz vom Nesthorn verschüttet. Die Geschichte Blattens ist jedoch älter. Bereits im Jahr 1900 wurde Blatten eine eigene Pfarrei, nachdem es zuvor zusammen mit den anderen Gemeinden des Tales zum Kloster Abondance gehört hatte.

 

Das Gebäude, das sie heute hier sehen, ist deutlich jünger. Es wurde vom Architekten Arthur Indermitte entworfen. Manche nennen ihn allerdings nicht beim Namen, sondern einfach „AI“. Böse Zungen behaupten, das Gebäude sehe aus, als hätte eine künstliche Intelligenz es entworfen. Wenn Sie genauer hinschauen, entdecken Sie tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten mit den Gebäuden von Frank Gehry – besonders mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao.

Bei der Einweihung erklärte der Architekt, das Gebäude stelle das Nesthorn dar. Wenn Sie nach oben schauen, sehen Sie, dass ein Teil des „Berges“ fehlt. Genau diese fehlende Masse symbolisiert den Bergsturz vom 28. Mai 2025, der das Dorf unter sich begrub. Das grosse Fenster über dem Eingang, so sagte der Architekt, stehe für die göttliche Vorhersage – denn dank eines rechtzeitigen Alarms konnten damals alle Bewohner evakuiert werden.

Heute ist das Gebäude, das auch als Kirche dienen kann, ein regelrechtes Wahrzeichen geworden. Besucher aus der ganzen Welt kommen hierher, um dieses Bauwerk zu sehen. Der Tourismus hat Blatten wieder zum Leben erweckt. In den teifän Mattun wurden zwei neue Hotels gebaut, und mittlerweile leben wieder rund dreihundert Menschen im Dorf. Die meisten arbeiten im Tourismus – als Hotelangestellte, Wanderführer, Bergführer oder Tourenleiter.

Wenn Sie hier nach rechts schauen, sehen Sie ein Gebäude, das vielen Einheimischen besonders am Herzen liegt: das alte Wirtjosi-Haus. Dieses wurde in den 1980er-Jahren abgebaut und im Freilichtmuseum Ballenberg wieder aufgebaut. Vor einigen Jahren hat man beschlossen, es zurück nach Blatten zu holen. Ein Stück Heimat kam so wieder an seinen ursprünglichen Ort zurück.

Überhaupt erlebt hier vieles eine kleine Renaissance. Junge Blattner Handwerker bauen Häuser und sogar Ställe wieder im traditionellen Stil. Alte Bauweisen, alte Materialien – und plötzlich sieht das neue Dorf wieder ein bisschen aus wie das alte.

Ah, schauen Sie, dort kommt gerade jemand, der Ihnen noch besser von dieser Zeit erzählen kann: Kalbermatten Magdalena, unsere Dorfpräsidentin.

Frau Kalbermatten, eine Frage: Entspricht Blatten im Jahr 2087 den Vorstellungen der Menschen, die den Bergsturz erlebt haben?

Nun ja, ganz ehrlich gesagt: Der Wiederaufbau dauerte doppelt so lange wie geplant. Am Anfang kamen auch viel weniger Menschen zurück, als man gehofft hatte. Die ersten Neubauten waren eher nüchtern – manche fanden sie sogar ziemlich hässlich. Vom Charme des alten Dorfes war damals noch nicht viel zu spüren.

Und warum sind viele Blattner nicht gleich zurückgekehrt?

Viele merkten plötzlich, dass man auch in Wiler, Kippel oder Ferden gut leben kann. „Es gibt Schlimmeres“, sagten sie, und gewöhnten sich an ihr neues Leben.

Und was hat die Menschen schliesslich doch wieder nach Blatten gebracht?

Ganz klar: der Goldrausch von 2028 – und natürlich der boomende Tourismus.

Goldrausch, fragen Sie sich? Ja, Sie haben richtig gehört. Kurz nach dem Bergsturz wusch ein Goldsucher aus dem Simplongebiet einige Kilo Schutt vom Nesthorn aus. Und tatsächlich – er fand ein paar Gramm Gold. Das reichte, um eine regelrechte Goldlawine auszulösen. Plötzlich tauchten Goldsucher aus ganz Europa hier im Tal auf.

Auch Wissenschaftler wurden aufmerksam. Die Universität Zürich veröffentlichte damals eine Medienmitteilung, in der sinngemäss stand: Noch nie seien seltene Erden so leicht zugänglich gewesen wie im Lötschental.

Sogar Donald Trump meldete sich damals zu Wort. Auf seiner Plattform schrieb er: „They lay on the floor, you just have to pick them up – we need them!“

Doch die Schweiz war schneller. Die grössten verfügbaren Bagger wurden ins Tal geschickt. Während die Schuttmassen für den Bau der neuen Kantonsstrasse entfernt wurden, gewann man gleichzeitig wertvolle Rohstoffe. Eine klassische Win-win-Situation: Die Schweiz exportierte seltene Erden – und die Blattner bekamen eine neue Strasse und ein wenig Wohlstand.

Ah, da vorne kommt übrigens jemand, den manche von Ihnen vielleicht kennen: der Schriftsteller Kobi. Er hat mehrere Bücher über Blatten geschrieben. Sein Roman „Die umgekehrte Migration“ wurde sogar verfilmt.

Sali Kobi, eine kurze Frage: Warum heisst dein Roman eigentlich „Die umgekehrte Migration“?

Ich habe viele Gespräche mit Menschen geführt, die den Bergsturz erlebt haben. Sie erzählten mir von ihrer „Migration“ in andere Dörfer des Lötschentals – einige zogen ins Rhonetal, andere ins Berner Oberland.

Dann habe ich die Geschichte weitergesponnen. In meinem Roman reisen einige Blattner bis nach Afrika. In Sizilien geben sie einen grossen Teil des Geldes aus, das sie von der Versicherung für ihre zerstörten Häuser bekommen haben, um mit Schleppern nach Tunesien zu gelangen.

Dort beginnt ein neues Abenteuer. Einige eröffnen in Djerba ein Hotel am Meer und lernen Arabisch. Andere verfallen dem Kath– und versuchen nun gemeinsam mit Flüchtlingen aus Nigeria wieder nach Europa zu gelangen.

Der Film dazu kommt übrigens bald in die Kinos.

Und falls Sie die ganze Geschichte lieber lesen möchten: Ich habe ein paar Bücher dabei.